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Ditzinger Lebenslauf

Ditzinger Lebenslauf

Quelle: Stuttgarter Zeitung online 14.04.2008

Köln/Ditzingen - Marco Schreyl steht als Moderator von „Deutschland sucht den Superstar“ auf der Bühne an der Seite der Kandidaten, die vom großen Ruhm träumen. Als prominenter Schutzengel steht der 34-Jährige Mukoviszidosekranken zur Seite, zu deren Gunsten in zwei Wochen in Ditzingen der Lebenslauf stattfindet. Christine Bilger hat mit ihm über sein Engagement gesprochen.

Auf einem Foto, das für den Mukoviszidoseverein wirbt, sind Sie als Engel zu sehen. Was hat Sie dazu beflügelt?


Ich musste das am Anfang erklärt bekommen, habe es aber dann ziemlich schnell verstanden. Wir sagen, dass alle, die sich für Mukoviszidosekranke engagieren, sogenannte Schutzengel sind. Jedes Kind braucht nämlich einen Schutzengel, aber Kinder, die Mukoviszidose haben, brauchen einen mehr. Darum hat man gedacht, das zeigen wir und binden unseren Schutzengeln Flügel um.

Es gibt ja viele gute Sachen, für die man sich als Prominenter einsetzen kann. Was hat Sie dazu bewogen, beim Mukoviszidoseverein Ja zu sagen?

Ein sehr großer Zufall. Der Intendant des ZDF, Markus Schächter, sitzt im Deutschen Kuratorium Mukoviszidose. Vor drei Jahren, als ich noch beim ZDF war und dort „Hallo Deutschland“ moderierte, hat er sich in einer Kuratoriumssitzung bereiterklärt, einen Moderator für die Benefizgala des Vereins zu suchen. Ich wurde per E-Mail dazu angestoßen, dass ich das bitte machen wollen möge. Ich muss ehrlich sagen, dass ich von Mukoviszidose davor noch nichts gehört hatte. Kurzum: ich habe die Veranstaltung moderiert, habe nette Menschen kennengelernt und bin mit einer Krankheit konfrontiert worden, die mich sehr berührt hat. Ich fuhr damals nach Hause und wusste, dass ich etwas gefunden habe, was mich interessieren könnte. Und die Jungs und Mädels vom Mukoviszidoseverein auf der anderen Seite haben sich wohl gedacht, wir haben da einen gefunden, der uns guttun könnte.

Was hat Sie überzeugt?

Als Moderator eines Boulevardmagazins ist man irgendwann abgebrüht. Irgendwann hatte ich jede Krankheit kennengelernt, auch bei Kindern. Ich habe gemerkt, dass mich das zwar noch berührt, aber eben immer weniger. Und dann plötzlich über Mukoviszidose zu berichten und zu wissen, da steht eine 18-Jährige vor mir, die gerade ihr Abitur macht und sich fragt, ob das sinnvoll ist, weil das Leben vielleicht ziemlich zeitig zu Ende ist, das war neu für mich. Ich sage immer, der Mukoviszidosekranke kann nichts für sein Schicksal, es passiert einfach. Mit Mukoviszidose kommt man auf die Welt. Deswegen sollen alle davon wissen, und es sollen alle, die die Möglichkeit haben, sich bemühen, die Krankheit zu bekämpfen.

Waren also die Begegnungen mit den Patienten ausschlaggebend?


An jenem Galabend habe ich Menschen kennengelernt, von denen ich erfahren habe, wie schwierig das Leben mit der Krankheit ist. Sie haben mir aber gleichzeitig gezeigt, wie schön das Leben sein kann. Ich behaupte, dass jeder Mukoviszidosekranke seinem tatsächlichen Alter um Längen voraus ist. Die leben einfach jede Minute intensiver und nutzen jeden freien Augenblick.

Was haben Sie dadurch gelernt?

Ich habe von einigen, die ich jetzt kenne, gelernt, gewisse Dinge im Leben zu genießen. Dass ich mich aufs Rad schwingen und in zwölf Minuten hierher rasen kann, ist nicht selbstverständlich.

Wann denken Sie über diese Selbstverständlichkeiten nach?

Wenn es nur allein die Tatsache ist, dass ich spät ins Bett komme und weiß, ich kann nur fünf Stunden schlafen, zum Beispiel. Dann denke ich schon, bevor ich einschlafe, daran, dass das nicht ausreichen wird und ich am Tag danach sehr müde sein werde. Aber für einen Mukoviszidosepatienten ist es schwieriger, fünf Stunden am Stück durchzuschlafen. Ich kann das.

Hatten Sie bei den persönlichen Kontakten auch schon ein schmerzliches Erlebnis?


Ja, sehr bald sogar, nachdem ich angefangen habe, mich zu engagieren. Ein Jahr danach durfte ich Sabine kennenlernen, sie war 26. Wir haben mit ihr einen sehr intensiven Film für „Stern TV“ auf der Insel Amrum, einem Kurort für Mukoviszidosepatienten, gedreht. Das Schlimme ist, sie machte auf mich einen kranken, aber keinen todkranken Eindruck. So etwas prägt mich: zu wissen, sie war damals schon sehr, sehr krank, und es hat sie viel Kraft gekostet, mit uns zu arbeiten. Sie drückte mir einen Brief in die Hand und lobte mich für das, was ich mache. Da habe ich gedacht: Okay, jetzt bist du dabei. Kurz nachdem ich sie kennengelernt hatte, ist sie gestorben.

Sie haben zurzeit bei „Deutschland sucht den Superstar“ mit jungen Leuten zu tun, die Träume von der ganz großen Karriere haben. Manchmal fließen Tränen auf der Bühne. Relativieren Erlebnisse wie das mit Sabine diese Traurigkeit?

Nein, überhaupt nicht. Da kämpfe ich manchmal auch mit den Tränen, wenn ein Kandidat rausfliegt, der mir sehr am Herzen liegt. Man arbeitet ja schließlich auch lange zusammen. Aber das hat natürlich eine ganz andere Qualität.

Braucht man denn unbedingt die berühmten Namen für die gute Sache?


Das ist immer und überall so. Mir würde es ja als Journalist genauso gehen, dass ich lieber ein Gespräch mit jemanden führe, bei dem alle sofort wissen: das ist die Schauspielerin, der Moderator, der Sportler. Schade ist nur, dass man die wirklich schönen Gespräche mit Menschen führen kann, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Da den goldenen Mittelweg bei der Auswahl zu finden, das ist die Kunst. Es gibt Patienten, die können druckreif reden und ihre Geschichte erzählen.

Wann haben Sie zuletzt jemandem erklären müssen, was Mukoviszidose ist?

Das war neulich beim Fitnesstrainer. Wir haben eine Dehnübung gemacht, und ich habe gesagt, dass ich die von der Physiotherapie bei Mukoviszidosekranken kenne.

Wen würden Sie sich denn noch an Ihre Seite, in die Riege der Schutzengel, wünschen?


Ich denke, wir sind da ganz gut aufgestellt, mit Arne Friedrich, Dominik Klein und mit mir. Wir versuchen, den jungen Part abzudecken. Michaela May als Schauspielerin deckt wieder eine andere Zielgruppe ab. Darüber hinaus gibt es viele kleine, aber feine Kontakte zu Menschen, die schon mal privat einen Fall erlebt haben. Cosma Shiva Hagen zum Beispiel hat eine mukoviszidosekranke Freundin. Das Schöne ist, dass viele mal was hören oder lesen. Die fragen dann nach. Dann ist eine Tür geöffnet. Ich freue mich, dass sich mehr und mehr Menschen in meinem Umfeld dafür interessieren.

Gibt es zurzeit neben dem Haus Schutzengel in Hannover, das für Transplantationspatienten entsteht, noch andere Projekte des Vereins, für die Sie sich einsetzen?

Nein, zurzeit konzentriert sich alles auf das Haus Schutzengel. Es gibt aber auch ein kleines privates Projekt: Ich habe alle jungen Mütter in meinem Freundeskreis dazu gebracht, dass sie direkt nach der Geburt ihrer Kinder einen Test machen lassen. Man kann die Krankheit nämlich schon nach wenigen Tagen feststellen. Und je früher man sie diagnostiziert, desto besser sind die Aussichten auf ein gutes und möglichst langes Leben mit der Krankheit. Und ich verstehe auch nicht, warum das kein Routinetest ist.

Wird man durch solche Erfahrungen ein politischer Mensch, denn es geht ja um Gesundheitspolitik?

Die politische Lobbyarbeit machen andere. Das war zum Beispiel das Steckenpferd von Christiane Herzog. Aber manchmal wünsche ich mir schon, ich wäre Maybrit Illner oder Anne Will, um Leute um mich herum zu versammeln, die ich dann anstoßen kann, dass sie etwas machen.

Kann man auch zu viel machen?

Ich finde, man muss sich auf eine Sache konzentrieren. Ich sage auch manchmal Organisationen ab. Denn das Engagement für eine Sache sollte wie ein Tattoo sein, das man trägt, und bei mir steht Mukoviszidose e.V. drauf. Das geht dann auch nie wieder ab.